Prozesse und Rahmenbedingungen bei der elektronischen Rezeptbelieferung – Vergleiche Niederlande - Deutschland
Titel: Gewährleistung der Arzneimitteltherapiesicherheit im öffentlichen, niederländischen Apothekenversorgungskontext – Modellierung relevanter Prozessschritte und Randbedingungen bei der Rezeptbelieferung
Projektbeteiligte: Dr. Martina Teichert, Johanna Seelbach
Institutionen: Koninklijke Nederlandse Maatschappij ter bevordering der Pharmacie (KNMP) / Leiden University Medical Center (LUMC)
Laufzeit: 2024–2025
Projektbeschreibung:

Einleitung:
Die Abgabe verschreibungspflichtiger Arzneimittel an Patienten ist ein komplexer Prozess, bei dem Apotheker in der öffentlichen Apothekenpraxis das Ziel verfolgen, die Arzneimittelsicherheit (MS) der Patienten zu gewährleisten. Der Prozess wird durch entsprechende Rahmenbedingungen unterstützt, beispielsweise durch interprofessionelle Zusammenarbeit und Digitalisierung. Aufgrund der unterschiedlichen Umsetzung solcher Rahmenbedingungen unterscheiden sich die Prozessorganisation und die Art und Weise, wie die Arzneimittelsicherheit gewährleistet wird, von Land zu Land. Darüber hinaus kann dies auch Auswirkungen auf die unterschiedlichen Risikopotenziale der einzelnen Prozessschritte haben. Derzeit wird der Zusammenhang zwischen den Prozessschritten, ihrem Risikopotenzial und den damit verbundenen Voraussetzungen zur Gewährleistung der MS bei der Abgabe nicht analysiert. Daher ist es das Ziel dieser Studie, ein umfassendes generisches Modell zu entwickeln, das den Abgabeprozess in öffentlichen Apotheken beschreibt, einschließlich des Risikopotenzials der Prozessschritte hinsichtlich der MS sowie der damit verbundenen Voraussetzungen zur Gewährleistung der MS. Das Modell wird auf der Grundlage der aktuellen Situation in den Niederlanden entwickelt und niederländischen und deutschen Experten zur ersten Bewertung hinsichtlich Klarheit und Anwendbarkeit vorgelegt.
Methodik:
Zunächst wurde eine Literaturrecherche am Schreibtisch durchgeführt, um Daten aus aktuellen niederländischen Artikeln zur Apothekenpraxisforschung (PPR) sowie aus weiteren internationalen Artikeln zu sammeln und die Vollständigkeit der Daten zu überprüfen. Dabei wurden Informationen zu Patienten, Situationen und Arzneimitteln mit erhöhtem Risiko für Medikationsfehler sowie Maßnahmen zur Verbesserung der Medikationssicherheit bei der Abgabe extrahiert. Anschließend wurden in zwei niederländischen Apotheken Praxisbeobachtungen und Interviews durchgeführt, um relevante Prozessschritte und Voraussetzungen während der Abgabe zu ermitteln. Unter Anwendung des „Target Operating Model“ wurden die Voraussetzungen kategorisiert und anhand der ersten erzielten Ergebnisse ein erster Modellansatz entworfen. Drittens wurde der erste Modellansatz von niederländischen Abgabeexperten evaluiert, die eine vereinfachte „Fehlermöglichkeits- und Einflussanalyse“ (FMEA) durchführten, um das Risikopotenzial der Abgabeschritte zu bewerten, sowie eine Fokusgruppe, um Prozessschritte und Voraussetzungen nach ihrer Relevanz zu priorisieren. Der zweite Modellansatz wurde unter Verwendung der Erkenntnisse aus der niederländischen Bewertung und generischer Begriffe für Prozessschritte und Voraussetzungen erstellt. Viertens wurden die Klarheit und die potenzielle Anwendbarkeit des zweiten Modellansatzes von deutschen Apothekenfachleuten bewertet. Schließlich wurde das Abgabemodell unter Verwendung der Verbesserungsvorschläge der deutschen Experten entworfen.
Ergebnisse:
Es wurden 18 niederländische Artikel einbezogen. Beispiele für Risikofaktoren waren die Entlassung aus dem Krankenhaus, die Einnahme von Antithrombotika und Patienten mit geringer Gesundheitskompetenz. Eine Maßnahme zur Verbesserung der AMTS war beispielsweise die Patientenaufklärung nach der Entlassung. Sechs Artikel aus anderen Ländern enthielten keine weiteren Informationen. Zwei niederländische Apotheken wurden besucht und dort jeweils ein Apotheker und ein PTA befragt. Der erste Modellansatz bestand aus zwölf Abgabeschritten, sieben Bereichen für Voraussetzungen und wurde mit niederländischen Praxisbeispielen ergänzt. Er wurde von neun niederländischen Experten innerhalb der Fokusgruppe bewertet. Der zweite Modellansatz wurde als Matrix erstellt, wobei die Abgabeschritte in fünf Hauptcluster unterteilt wurden, die aus 13 Teilschritten und fünf Bereichen für Voraussetzungen bestanden. Fünf Prozessschritte wurden mit einem hohen Risiko für Medikationsfehler bewertet. Die Übersichtlichkeit der Matrix wurde von vier deutschen Experten allgemein verstanden, wobei Unterschiede hinsichtlich der Rolle und Verantwortung des Apothekers sowie der interprofessionellen Zusammenarbeit festgestellt wurden: In den Niederlanden verfügen Apotheker gesetzlich über die gleiche berufliche Autonomie wie Hausärzte und verwalten ihre eigenen Patientenakten, was eine proaktive Zusammenarbeit ermöglicht. In Deutschland stützen sich Apotheker auf eine zentrale elektronische Akte und haben nur begrenzte Möglichkeiten, proaktiv zu reagieren oder den Patienten enger während der Arzneimittelanwendung zu begleiten.
Diskussion: Die einzelnen Schritte des Abgabeprozesses müssen bestimmte Anforderungen genügen, um die AMTS zu gewährleisten, darunter eine professionelle Patientenbeziehung, die geeigneten rechtlichen Rahmenbedingungen sowie eine digitale Infrastruktur für den Austausch von Patienteninformationen. Diese Erkenntnisse könnten für die Ausweiterung der Verantwortlichkeiten der Apotheker, politische Diskussionen oder die Qualifikation von Nutzen sein. Darüber hinaus kann dies helfen, die nächsten Schritte sinnvoll zu priorisieren und länderübergreifende Vergleiche der Abgabepraxis zu ermöglichen.
Zusammenfassung:
Das entwickelte generische Modell verdeutlicht den Zusammenhang zwischen dem Abgabeprozess und den damit verbundenen Rahmenbedingungen, die für die AMTS in öffentlichen Apotheken relevant sind. Das Modell bestätigt und unterstreicht die Bedeutung der öffentlichen Apotheke sowie die die Komplexität des Abgabeprozesses. Es eignete sich dazu, diesen Prozess in den Niederlanden und in Deutschland sowie die Unterschiede abzubilden. Die weitere Anwendbarkeit und Übertragbarkeit des Modells sollte untersucht werden, z. B. in anderen Ländern oder Gesundheitsbereichen.
Bei Fragen oder weitergehendem Interesse nehmen Sie gerne Kontakt auf:
- johanna.seelbach@gmx.net