Prüflisten und Prüfkriterien

Da das Erkennen von arzneimittelbezogenen Problemen ein umfangreiches Fachwissen, aber auch eine detaillierte Kenntnis der jeweiligen Patientenmerkmale voraussetzt, kann es unter den heutigen Bedingungen eigentlich nicht mehr ohne Computerunterstützung erfolgen. Computerprogramme können aber nur erkennen, was ihnen als Entscheidungsalgorithmus vorgegeben wurde.

Um das Erkennen arzneimittelbezogener Probleme zu erleichtern, wurden deshalb Listen oder Kriterien entwickelt, die mit oder ohne Computerunterstützung genutzt werden können:

Medication Appropriateness Index (MAI)

Der Medication Appropriateness Index wurde bereits 1992 von Hanlon entwickelt und publiziert. Er bewertet die Angemessenheit einer jeden Verordnung anhand von 10 Kriterien bzw. Fragestellungen:

  1. Gibt es eine Indikation für die Verordnung eines bestimmten Wirkstoffs?
  2. Ist der Wirkstoff bei der Indikation wirksam?
  3. Ist die Dosierung korrekt?
  4. Ist der Applikationsweg korrekt?
  5. Ist der Applikationsweg praktikabel?
  6. Gibt es klinisch relevante Arzneimittelwechselwirkungen für diesen Wirkstoff?
  7. Gibt es klinisch relevante Wechselwirkungen mit einer Begleiterkrankung?
  8. Liegt eine Doppelverordnung vor?
  9. Ist die Dauer der Anwendung angemessen?
  10. Ist das Arzneimittel (bzw. die Therapie) kosteneffektiv?

Da individuell unterschiedliche Bewertungen zur Angemessenheit zu erwarten sind – und zwar sowohl von Seiten des Arztes als auch auf den Patienten bezogen – müssen die möglichen Antwortvarianten operationalisiert werden, um sie für einzelne Arzneimittel oder Patienten vergleichend auswerten zu können. Daher ist der MAI für die Auswertung einer konkreten Studie nur bedingt geeignet, sondern beschreibt eher einen Prüfkatalog, den sich der Arzt vor jeder Verordnung selbst vorlegen muss.

(Quelle: The Medication Appropriateness Index at 20: Where it Started, Where it has been and Where it May be Going)

Die PRISCUS-Liste

Die PRISCUS-Liste, erstmals 2010 veröffentlicht, soll dabei helfen, potenziell inadäquate Arzneimittel für ältere Menschen zu erkennen. Sie wurde von einem Arbeitskreis um Frau Professor Petra Thürmann vom Lehrstuhl für Klinische Pharmakologie der Privaten Universität Witten-Herdecke zusammengestellt. Sie basiert auf vergleichbaren Listen, insbesondere der Beer’s-Liste, und wurde auf die deutschen Verhältnisse angepasst.

Gegenwärtig werden dort knapp 80 Arzneimittel gelistet. Neben der Begründung, warum der Wirkstoff für ältere Menschen ungeeignet ist, werden therapeutische Alternativen ebenso genannt wie die zu ergreifenden Vorsichtsmaßnahmen, wenn der betreffende Wirkstoff dennoch weiter verordnet werden muss. Zusätzlich werden auch Kontraindikationen erwähnt, bei denen der Wirkstoff ebenfalls nicht eingesetzt werden sollte.

Die PRISCUS-Liste gründet nicht auf einer Evidenz durch Studien, sondern wurde durch eine Delphi-Befragung mit 22 Experten generiert. Allerdings waren die 22 Teilnehmer bei nur einem Arzneistoff (Digoxin und Derivate) einer Meinung. Bei allen anderen Wirkstoffen sind Mehrheitsentscheidungen (mit einer minimalen Zustimmung von 11 bei Dihydroergocryptin) getroffen worden. Bei allen anderen Entscheidungen lagen die Zustimmungsraten zwischen diesen beiden Werten.

Möglicherweise war eine Zustimmung von 50% der Teilnehmer das Entscheidungskriterium für die Aufnahme eines Wirkstoffes in die Liste. Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass es weitere potenziell inadäquate Arzneimittel für ältere Menschen geben kann, bei denen sich die 22 einbezogenen Experten noch weniger einig waren. Auch aus diesem Grunde ist es notwendig möglichst kontinuierlich neue Erkenntnisse aus Studien mit älteren Menschen in die bestehende Liste einzupflegen.

(Quelle: Projektverbund "priscus")

STOPP- und START-Kriterien

Die STOPP (Screening Tool of Older Persons’ potentially inappropriate Prescriptions) und START (Screening Tool to Alert doctors to Right Treatment) – Kriterien wurden ebenfalls über ein Delphi-Konsenzverfahren mit 18 Experten für die Arzneimittelverordnung bei älteren Patienten entwickelt.

Die STOPP-Liste enthält insgesamt 65 Kriterien, die klinisch bedeutsam für die Verordnung potenziell unangemessener Arzneimittel bei älteren Patienten sind. In die START-Liste sind 22 evidenzbasierte Indikatoren für behandlungsbedürftige Erkrankungen aufgenommen worden, die häufig bei älteren Menschen vorkommen. Der Erstautor, Paul Gallagher, arbeitet im Department of Geriatric Medicine des Cork University Hospitals in Irland, so dass die getroffenen Aussagen vor allem auf die irischen und britischen Gesundheitsbereich zugeschnitten sind. Insofern müssten die einzelnen STOPP- und START-Kriterien für Deutschland vor ihrem Einsatz in Studien ggf. bezüglich ihrer Übertragbarkeit geprüft werden. Dies kann z.B. die Übereinstimmung mit den hier geltenden Leitlinien betreffen.

Siehe auch: